{"id":2823,"date":"2025-06-24T15:47:11","date_gmt":"2025-06-24T13:47:11","guid":{"rendered":"https:\/\/helmutvondensteinen.eu\/begegnungen\/"},"modified":"2026-02-14T17:12:41","modified_gmt":"2026-02-14T16:12:41","slug":"begegnungen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/helmutvondensteinen.eu\/el\/begegnungen\/","title":{"rendered":"Begegnungen"},"content":{"rendered":"<div class=\"lazyblock-encounter-list-Z1tDRFl wp-block-lazyblock-encounter-list\"><!-- Block: Encounter list -->\n\n\n\n<section class=\"block-encounter-list\">\n    <div class=\"block-encounter-list__content\">\n        <div class=\"lazyblock-inner-blocks\">\n<div class=\"lazyblock-encounter-section-2fc8l6 wp-block-lazyblock-encounter-section\"><!-- Block: Encounter section -->\n\n\n\n<section class=\"block-encounter-section\">\n            <h2>Cordelia von den Steinen<\/h2>\n    \n            <div class=\"block-encounter-section__content\">\n                            <h3>F\u00fcr Helmut<\/h3>\n            \n            <p>Onkel Helmut hat in meiner kindlichen Fantasie als bewundernswerter Junge gelebt. So kannte ich ihn aus den Tageb\u00fcchern, die er zusammen mit seinem Bruder, meinem Vater Wolfram, als Zehnj\u00e4hriger gef\u00fchrt hatte. Ein gutes halbes Jahrhundert sp\u00e4ter, zwei Weltkriege lagen dazwischen, hat sie uns mein Vater vorgelesen: Zeugnisse der anderen Welt dieser so gro\u00dfz\u00fcgig lebenden Familie mit ihren acht Kindern, einer Bonne f\u00fcr die Kleinen, einem russischen Fr\u00e4ulein f\u00fcr Helmut und Wolfram, frischen warme Br\u00f6tchen zum Fr\u00fchst\u00fcck, und der f\u00fcr mich so bewundernswerte Selbstst\u00e4ndigkeit der beiden \u00e4ltesten Br\u00fcder Helmut und Wolfram.\n\nAber zur\u00fcck: Eines Tages wurde aus der Fantasiefigur Helmut eine wirkliche Gestalt. Ich denke, ich war so ungef\u00e4hr zw\u00f6lf, als der schon \u00e4ltere Mann zu uns nach Basel kam. Ich selber war noch nie viel weiter als Luzern gewesen. Er, der von fernen biblischen Orten her kam, verk\u00f6rperte f\u00fcr mich sogleich eine ganze Welt, er n\u00e4hrte meine kindliche Fantasie mit seinen Erz\u00e4hlungen \u00fcber \u00c4gypten, den Nil, die meine biblischen Vorstellungen von Joseph und Moses lebendig erg\u00e4nzten. Auch mein Vater konnte wunderbar erz\u00e4hlen, aber Helmut faszinierte auf eine sehr besondere Weise. Ich war jedoch gerade noch etwas zu jung, um mit ihm \u00fcber Ernsteres zu sprechen, wie meine Schwester Ulfa es konnte und tat.\n\nSo wie Helmut pl\u00f6tzlich da war, so verschwand er auch wieder aus unserm Gesichtskreis. Mit Ulfa teilte ich eine Mansarde: mein Bett und Tisch auf der rechten Seite, der ihre auf der linken, rechts ein gro\u00dfes Durcheinander, links eine beruhigende Ordnung. Eines Tages, ich war damals f\u00fcnfzehn, rief uns die Mutter, wir sollten bitte herunterkommen. Da stand der Vater in tiefer tr\u00e4nenloser Trauer und teilte uns mit, Onkel Helmut sei gestorben, weit weg auf einer griechischen Insel. Es gab f\u00fcr uns also keinen Ort des Gedenkens, keine Form des Abschieds. Sehr tief betroffen ging ich zur\u00fcck in meine Mansarde. Ich hatte vor ein paar Tagen einen schweren Klo\u00df Ton hinauf geschleppt, und nun kam der Moment etwas daraus zu machen. Ich modellierte in einem Zug Helmuts Portr\u00e4t. Das Resultat war gewiss sehr dilettantisch, aber offenbar \u00e4u\u00dferst \u00e4hnlich, denn als ich den Kopf hinuntergebracht habe, erschraken meine Eltern tief.\n\nDamals erlebte ich stark wie ein Formgeben die innere Unruhe zu d\u00e4mmen vermag. So habe ich auf der Schwelle meines Erwachsenwerdens, mit dem Hinschied von Onkel Helmut, meinen Weg als Bildhauerin gesehen und entschieden.\n\n24. April 2025\n\n(Cordelia von den Steinen, geboren 1941 in Basel, ist Bildhauerin. Sie lebt in Fivizzano in der Toskana.)  \n<\/p>\n\n            <button>\n                <span><svg width=\"37\" height=\"37\" viewBox=\"0 0 37 37\" fill=\"none\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\">\n<circle cx=\"18.5\" cy=\"18.5\" r=\"17.5\" transform=\"rotate(-180 18.5 18.5)\" stroke=\"#3b3b3b\" stroke-width=\"2\"\/>\n<path d=\"M18.6897 26.7375L18.6887 10.6444M10.6427 18.6905L18.6893 18.6909L26.7358 18.6914\" stroke=\"#3b3b3b\" stroke-width=\"2\" stroke-linecap=\"round\"\/>\n<\/svg>\n\u0395\u03bc\u03c6\u03ac\u03bd\u03b9\u03c3\u03b7 \u03c0\u03b5\u03c1\u03b9\u03c3\u03c3\u03cc\u03c4\u03b5\u03c1\u03c9\u03bd<\/span>\n                <span><svg width=\"37\" height=\"37\" viewBox=\"0 0 37 37\" fill=\"none\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\">\n<circle cx=\"18.5\" cy=\"18.5\" r=\"17.5\" transform=\"rotate(-180 18.5 18.5)\" stroke=\"#3b3b3b\" stroke-width=\"2\"\/>\n<path d=\"M13 24.3809L24.3788 13.0006M13 13.0006L18.6894 18.6907L24.3789 24.3809\" stroke=\"#3b3b3b\" stroke-width=\"2\" stroke-linecap=\"round\"\/>\n<\/svg>\n\u039b\u03b9\u03b3\u03cc\u03c4\u03b5\u03c1\u03b1 \u03b1\u03c0\u03bf\u03c4\u03b5\u03bb\u03ad\u03c3\u03bc\u03b1\u03c4\u03b1<\/span>\n            <\/button>\n        <\/div>\n    <\/section><\/div>\n\n<div class=\"lazyblock-encounter-section-21v1MS wp-block-lazyblock-encounter-section\"><!-- Block: Encounter section -->\n\n\n\n<section class=\"block-encounter-section\">\n            <h2>Reimar Schefold<\/h2>\n    \n            <div class=\"block-encounter-section__content\">\n                            <h3>Der sp\u00e4te George-Kreis, Griechenland und der zu Unrecht vergessene Dichter und Publizist Helmut von den Steinen<\/h3>\n            \n            <p>Vortrag, gehalten an der Freien Universit\u00e4t Berlin am 20. Januar 2017\n\nUm Helmut von den Steinen besser zu verstehen, m\u00f6chte ich heute versuchen, einige pers\u00f6nliche und Familien-Erinnerungen mit Daten aus seinem Leben und mit Entwicklungen in seinem Denken zu kombinieren. Nat\u00fcrlich kann das nur ein erster Ansatz sein und vielleicht eine Grundlage f\u00fcr ein anschlie\u00dfendes Gespr\u00e4ch. Mein Onkel Helmut war der \u00e4lteste von acht Geschwistern, von denen meine Mutter Marianne, 15 Jahre sp\u00e4ter geboren, die j\u00fcngste war. Wenn er bei uns in Basel von einer seiner Reisen erschien, war es jedes Mal, als ob sich ein Fenster zur Welt \u00f6ffnen w\u00fcrde. Wie mein Vater, der klassische Arch\u00e4ologe Karl Schefold, war er zeitlebens ein gro\u00dfer Bewunderer Stefan Georges \u2013 die Arch\u00e4ologen waren damals wohl allesamt George-Anh\u00e4nger \u2013; aber was bei uns ganz in die Familie eingebunden war und gewisserma\u00dfen zum Haushalt geh\u00f6rte, erschien bei ihm in einem weltm\u00e4nnischen Rahmen, der die h\u00e4usliche Enge \u00f6ffnete und verwandelte. N\u00e4her kennengelernt habe ich ihn aber erst am Ende seines Lebens, im Herbst 1956, als ich nach meiner ersten Griechenlandreise einige Wochen in Athen war und Helmut dort aus Alexandria eintraf, um die Gestaltung einer Stellung f\u00fcr Germanistik an der Technischen Universit\u00e4t vorzubereiten. Er hoffte, als Kriegsgesch\u00e4digter daf\u00fcr staatliche deutsche Unterst\u00fctzung zu erhalten, aber sein pl\u00f6tzlicher Tod im Dezember kam dem allem zuvor.\n\nAber vielleicht sollte ich mit den fr\u00fchen Jahren beginnen. Sein Vater war der Ethnologe Karl von den Steinen, der durch seine Entdeckung unbekannter indigener St\u00e4mme in Brasilien in den Achtzigerjahren und seine sp\u00e4teren Forschungen auf den Marquesainseln in Polynesien bekannt geworden war, seine Mutter Eleonore Herzfeld, die Tochter eines deutschen Bankiers aus j\u00fcdischer, zum Protestantismus konvertierter Familie, der in den USA ein Verm\u00f6gen verdient hatte und sp\u00e4ter wieder in die Heimat zur\u00fcckgekehrt war. Der Vater stand ganz im positivistisch-evolutionistischen Zeitgeist seiner Epoche, und die Zuwendung zu Stefan George, die beinahe alle Geschwister teilten, d\u00fcrfte ihm nicht ganz geheuer gewesen sein. Meine Mutter erz\u00e4hlte, wie dies begonnen hatte. 1907, mit 17 Jahren, kam der Gymnasiast Helmut mit einigen B\u00e4nden Stefan George, die er irgendwo in einem Antiquariat erworben hatte, nach Hause zu seiner Mutter. Die beiden fingen in zwei aneinandergrenzenden Zimmern an, zu lesen, trafen sich immer wieder, um sich gegenseitig ihre Begeisterung zu versichern, und schlie\u00dflich erschien die Mutter mit rotem Kopf: \u201eIch habe mir immer gew\u00fcnscht, zur Zeit eines gro\u00dfen Dichters zu leben. Heute sehe ich, dass mir dieser Wunsch erf\u00fcllt worden ist.\u201c.\n\nNach dem Abitur 1909 begann Helmut an verschiedenen Universit\u00e4ten mit einem national\u00f6konomisch und germanistisch orientiertem Studium, das er auf energisches Betreiben seines Vaters, der ihm eine Sekret\u00e4rin zur Verf\u00fcgung gestellt haben soll, bereits 1912 bei Alfred Weber in Heidelberg mit einer Dissertation \u00fcber das Moderne Buch abschloss. Leider kam es sp\u00e4ter zu einem Vorfall, den ihm sein j\u00fcngerer Bruder, der Germanist Wolfram von den Steinen, der in Marburg bei Friedrich Wolters studierte und sich dadurch eine gr\u00f6\u00dfere N\u00e4he zum verehrten Stefan George erhoffte, niemals vergeben konnte. Gemeinsam mit einem Freund, dem Philosophiestudenten Hans-Georg Gadamer, hatte Helmut von der Bibliothek als \u201enicht ausleihbar\u201c markierte B\u00fccher mitgenommen und durch den darauf folgenden Skandal das Missvergn\u00fcgen des als sehr ordnungsliebend bekannten Dichters auf sich gezogen. Denn Gadamer war mit Wolfram verwechselt worden und dieser damit ebenfalls in Ungnade gefallen. George wollte von den ganzen von den Steinens nichts mehr wissen und soll gesagt haben: \u201eDer Vater ist noch der Beste von allen\u201c, denn er las mit gro\u00dfem Interesse dessen Reisebeschreibungen. Sp\u00e4ter wurde dieses Verdikt gemildert und der George-Kreis blieb ihr Leben lang die geistige Heimat der Geschwister. Helmut schrieb sp\u00e4ter in seiner Vita Platonica, dass ihm die Dichtung Georges \u201eeine universale Vision vom Menschen\u201c bedeutete, in der mit \u201eeiner bisher im Westen unbekannten Klangmagie\u201c f\u00fcr jede menschliche Stufe die \u201eihr gem\u00e4\u00dfe Spiegelung eines kosmischen Lichts\u201c gegeben und eine \u00fcberpers\u00f6nliche Gesetzlichkeit offenbart wird. Aber zu einer Begegnung ist es nie gekommen.\n\nHelmuts Freund Wolfgang Frommel zufolge studierte er nach der Promotion in Heidelberg Alte Sprachen und bewegte sich in einem Kreis von jungen Wissenschaftlern und Literaten, die sich wie er George verbunden wussten und zum Teil auch bereits mit eigenen Publikationen hervortraten. Frommel nennt unter anderem den Platonforscher Heinrich Friedemann und den Neuentdecker H\u00f6lderlins Norbert von Hellingrath; von einer eigenen publizistischen T\u00e4tigkeit Helmuts in diesen Jahren ist mir jedoch nichts bekannt.\n\n1914 melden sich Wolfram und Helmut gemeinsam freiwillig bei der Kavallerie. Ihr j\u00fcngerer Bruder Reimar, der gerade seinen Milit\u00e4rdienst leistete, wurde ohnehin eingezogen, er ist in den ersten Kriegsmonaten in Frankreich gefallen. Helmut beklagt in seinen unver\u00f6ffentlichten Kriegserinnerungen, die er zusammen mit denen seiner Geschwister seinen Eltern zu Weihnachten 1918 \u00fcberreichte, den geistt\u00f6tenden Drill, verbunden mit der Sorge, dass man, wie er schreibt, \u201ebei dieser endlosen Ausbildung vielleicht \u00fcberhaupt gar nicht ins Feld kommen w\u00fcrde\u201c. Dieser Sorge wurde er Ende des Jahres durch den Einsatz der Truppe in Flandern enthoben. Und dort begann die T\u00e4tigkeit, die Helmut ein Leben lang begleiten sollte. Er lernte Holl\u00e4ndisch und wurde als beeidigter Dolmetscher verwendet. Und im Sommer darauf, 1915, kam es auch zum ersten von Helmuts vielen sp\u00e4teren Aufbr\u00fcchen in ferne L\u00e4nder: die Truppe wurde im Osten eingesetzt. In Polen traf er sich am 12.Juli, Georges Geburtstag, mit Wolfram und las mit ihm Gedichte. Das Unzeitgem\u00e4\u00dfe einer Garde-Kavallerie-Division, der Helmut angeh\u00f6rte, zeigte sich allerdings darin, dass er kaum zum Einsatz kam. Nur einmal nahm er an einer Kavallerie-Attacke teil. Sie brachte ihn zu dem herrlichen Satz: \u201eIn breiter gel\u00f6ster Front st\u00fcrmten wir \u00fcber Kornfelder vorw\u00e4rts und bedrohten mit unseren Lanzen die guten Russen, die ziemlich hilflos nach geringstem Widerstande Gefangenschaft dem Kampf vorzogen.\u201c\nAuf diese heute vergleichsweise beinahe idyllisch wirkende Episode folgte ein R\u00fcckschlag. Helmut musste sich aufgrund einer Reitverletzung in Deutschland operieren lassen. Und erneut erf\u00fcllte sich seine Bestimmung. Bulgarien war als Verb\u00fcndeter der Mittelm\u00e4chte in den Weltkrieg eingetreten, und es kam zu einem gro\u00dfen Bedarf an bulgarischen Dolmetschern. Helmut lernte die Sprache, wobei ihm seine Russischkenntnisse von seinem fr\u00fcheren russischen Kinderm\u00e4dchen her zustattenkommen mochten, und bestand das Examen. 1916 kam er nach Sofia. Land und Leute sagten ihm gleicherma\u00dfen zu, und froh berichtet er von einer Begegnung mit dem dort gleichfalls eingesetzten George-Freund Friedrich Wolters. Er half in der Redaktion der 1917 gegr\u00fcndeten Deutschen Balkan-Zeitung und hielt vor jungen Bulgaren auf Bulgarisch Vortr\u00e4ge \u00fcber geistige Entwicklungen in Deutschland \u2013 wie ein Vorspiel zu seinen eine Generation sp\u00e4teren (1948) Vortr\u00e4gen f\u00fcr die deutschen Kriegsgefangenen in \u00e4gyptischen Lagern. Das letzte Kriegsjahr verbrachte er in Berlin in der Nachrichtenabteilung f\u00fcr Bulgarien. Die Erlebnisse des Kriegs h\u00e4tten ihn gelehrt, so beschlie\u00dft Helmut seine Erinnerungen, \u201edie Dinge der Welt sch\u00e4rfer und bestimmter zu sehen und darum f\u00fcr die Gestaltung meines eigenen Lebens sicherer und entschlossener zu werden.\u201c\n\nDie n\u00e4chste unver\u00f6ffentlichte Quelle zu Helmut von den Steinen ist ein Manuskript von 1925, das er zusammen mit Beitr\u00e4gen seiner Geschwister dem Vater Karl von den Steinen zu dessen siebzigstem Geburtstag als Festschrift \u00fcberreicht hat. Diese Beitr\u00e4ge zeugen von der erstaunlichen Interessenvielfalt der \u00fcberlebenden sieben Geschwister. Die j\u00fcngste, meine Mutter, schrieb einen Aufsatz \u00fcber einen Goethe-Spruch, Ursula, die zweitj\u00fcngste, \u00fcber Gefl\u00fcgelzucht, danach der j\u00fcngste Sohn, der sp\u00e4tere Sinologe Diether, deutlich von seinem Vater inspiriert, oder, so hie\u00df es in der Familie, mehr oder weniger von diesem diktiert, \u00fcber \u201eDas St\u00e4ndewesen der Polynesier\u201c. Dann kam die \u00c4rztin Rune, erneut mit einem Goethetext, die \u00e4lteste Schwester Herlinde mit einem arch\u00e4ologischen Thema, ihr Mann, der Arzt und pers\u00f6nliche Bekannte Stefan Georges, Erich Wolff, mit einem Bericht \u00fcber Leuk\u00e4mie, Wolfram \u00fcber Franz von Assisi, und schlie\u00dflich Helmut \u00fcber Platons Atlantis.\nHelmuts Text enth\u00e4lt seine vielleicht erste erhaltene \u00dcbersetzung aus einem platonischen Dialog, dem Kritias. In seiner Einleitung dazu klingt an, dass einer der Gr\u00fcnde f\u00fcr seine Faszination von diesem Text der Gedanke an seines Vaters evolutionistisch gepr\u00e4gtes Werk \u00fcber Brasilien gewesen sein k\u00f6nnte. Atlantis wird pauschal mit dem Bild eines phantastischen Amerika gleichgesetzt, in dem sich pr\u00e4historische Zust\u00e4nde heranbilden, einem Barbarenreich, das dann in einem Kampf mit Athen \u00fcberwunden wird. In Helmuts Worten: \u201eDer Mensch musste sich im Laufe sehr langer Zeitr\u00e4ume und im h\u00e4rtesten Kampf gegen die feindlichen Naturgewalten allm\u00e4hlich die technischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen f\u00fcr ein h\u00f6heres geistiges Dasein schaffen.\u201c Nach Platon zeichnen sich damit zwei Grundstadien der Entwicklung ab, von einem ideal geschaffenen geistigen Menschheitszustand hin zur Katastrophenzeit des Verfalls, aus dem dann wieder die Stufe eines neuen idealen Urseins hervorgehen kann. Die \u00dcbersetzung liest sich f\u00fcr mein Laienauge hervorragend und verdiente vielleicht eine weitere Verbreitung. Und im Zeichen der gegenw\u00e4rtigen politischen Vorg\u00e4nge f\u00e4llt der Satz besonders auf, mit dem Helmut seinen Beitrag \u00fcber das phantastische Amerika schlie\u00dft: \u201eNach vielen Jahren der Bl\u00fcte entartete Atlantis zu gierigem Eroberungsdrang, und Zeus beschloss die Bestrafung.\u201c.\n\nIch bin etwas ausf\u00fchrlicher auf diese fr\u00fchen Texte eingegangen, weil sie mir als unbekannte Auftakte zu Helmuts sp\u00e4terem Leben von Interesse erscheinen. Wolfgang Frommel, ein langj\u00e4hriger Freund Helmuts und Gr\u00fcnder der Zeitschrift Castrum Peregrini im Amsterdamer Exil, hat auf die vielen Widerspr\u00fcchlichkeiten in diesem sp\u00e4teren Leben hingewiesen. Auch er betont das weltm\u00e4nnische Auftreten, das uns Kindern so imponiert hatte, aber auch den Eigensinn und die Unverbindlichkeit in allen Gespr\u00e4chen um geistige Fragen. Helmut konnte in seinen Schriften leidenschaftlich den Rausch verteidigen, aber wie war es in seinem Leben? Als ich ihm 1956 in Athen begegnete, das er doch von seinen fr\u00fcheren Aufenthalten durch und durch kannte, wunderte ich mich \u00fcber die Einsamkeit, in der er verkehrte. Ich dachte an eine andere Anekdote meiner Mutter, in der sie von einer Hochzeit erz\u00e4hlte, zu der Helmut als kleiner Junge eingeladen war. Er sah sich das Heiratsfest an und sagte dann pl\u00f6tzlich ganz bestimmt: \u201eIch heirate alleine!\u201c Ich muss gestehen, dass ich 1956 gro\u00dfe Schwierigkeiten hatte, Helmut n\u00e4her zu kommen. Er war ganz im Bann der welt\u00fcberlegenen Weisheit des indischen Philosophen und Guru Sri Krishna Menon. Er war diesem im Hause seines Freundes Roger Godel am Suezkanal selbst begegnet und erfuhr in seiner Lehre vom unsterblichen Tiefschlafbewusstsein eine Best\u00e4tigung der eigenen platonischen Vorstellungen von der Welt der Ideen, im Gegensatz zur heutigen europ\u00e4ischen Dominanz der Praxis. Aber den Achtzehnj\u00e4hrigen, der gerne das Athener Asugangsleben genossen h\u00e4tte, konnte er unerbittlich damit langweilen.\n\nBesser h\u00e4tte ich wohl weiterfragen sollen. Denn was Helmut hier bewegte, war im Grunde eine Wiederaufnahme der Gedanken, die er schon als F\u00fcnfundzwanzigj\u00e4hriger bei Plato gefunden hatte. Sie best\u00e4tigten ihm einen zukunftsgerichteten Optimismus, wie er ihn, offenbar in diesen Jahren, in einem undatierten Aufsatz niedergelegt hat: \u201eF\u00fcr das welterobernde Ich hat radikal die letzte Stunde geschlagen.\u201c Nach einem \u201eWeg [\u2026] durch die grauenhaftesten Kriege hindurch\u201c kommt unweigerlich die Stufe einer neuen \u201efriedlichen [\u2026] geistigen Richtung der Menschheit\u201c wie sie in der indischen Weisheit seit Jahrtausenden verankert ist, freilich, wie er betont, ohne in die modische romantische Verwirrung einer Verfluchung des technischen Fortschritts zu verfallen. Und in seiner Einleitung zu den Kavafis-Gedichten meinte er sogar, dass ein solcher Neuanfang mit erneuendem Zauber von Griechenland ausgehen k\u00f6nnte, denn \u201eder Rand entscheidet in Krisen oft mehr als die Mitte.\u201c\n\nAber bevor dieser zyklische Gedankenbigen geschlossen war, sollten noch viele Jahre vergehen. Die Unverbindlichkeit Helmuts in der Entwicklung seiner Gedanken kann vielleicht auch helfen zu verstehen, warum Helmut, wie es in der Einladung zum heutigen Gespr\u00e4ch hei\u00dft, heute \u201ezu Unrecht vergessen\u201c ist. Als ich aus dem Nachlass meiner Tante Rune den Berg von Manuskripten erhielt, \u00fcber den ich mit Torsten Israel ins Gespr\u00e4ch gekommen bin, war meine erste Reaktion ein Staunen \u00fcber die Unerm\u00fcdlichkeit eines Autors, der sich durch das dauerhafte Ausbleiben von Widerhall offensichtlich nicht entmutigen lie\u00df. Ich nehme an, dass in diesem Seminar die Stationen aus Helmuts Leben bekannt sind, in denen er seine Werke verfasste: Nach literarischen T\u00e4tigkeiten im Deutschland der Zwanziger Jahre, worunter sich bereits 1929 ein neugriechisches Thema findet, und zwar in Form eines Vorworts zu einem von einem Vetter m\u00fctterlicherseits, Paul Hallgarten, gesammelten Band von Erz\u00e4hlungen der Insel Rhodos, kam er 1928 an das Institut des Ethnologen und Kulturmorphologen Leo Frobenius in Frankfurt. 1934 nahm er auch an einer von dort aus organisierten Expedition nach \u00c4thiopien teil.\n\nWas Frobenius f\u00fcr Helmut bedeutete, hat er in seiner Vita Platonica ausgesprochen. Lebendige Anschauung im Frankfurter kulturmorphologischen Institut wurde durch rituelle T\u00e4nze von eingeladenen Schwarzafrikanern vermittelt. Immer auf der Suche nach dem \u201esakralen Universum\u201c, das Platon in seiner Ideenwelt beschwor, fand Helmut hier, bei den Angeh\u00f6rigen der dunkelh\u00e4utigen St\u00e4mme Afrikas, die \u201eTr\u00e4ger einer urspr\u00fcnglichen Humanit\u00e4t\u201c, die ohne Machtapparat \u201esakrale Energien\u201c verleiblichten. Was er von dieser \u201evorgeschichtlichen Universalepoche\u201c dann in Abessinien gefunden hat, ist mir leider nicht bekannt. Er sollte dort in den Amharaprovinzen sprachlich und geschichtlich arbeiten, aber meine Mutter meinte, dass davon wenig zur\u00fcckgekommen sei, und er vor allem an einer seiner Dichtungen, einer Fortf\u00fchrung von Goethes Nat\u00fcrliche[r ]Tochter, gearbeitet habe.\n\nAuch f\u00fcr Helmuts Haltung gegen\u00fcber dem aufkommenden Nationalsozialismus gibt der Name Frobenius einen Hinweis. Helmut war sicher nicht immun f\u00fcr die zeitgen\u00f6ssischen T\u00f6ne, wie sie damals auch im Umkreis von Frobenius grassierten, und schrieb 1933 in dessen Festschrift: \u201eDas Studium der Kulturmorphologie muss die Bef\u00e4higung zur nationalen Revolution steigern\u201c, eine fatal klingende \u00c4u\u00dferung, die ihm nach dem Krieg von Ethnologen angekreidet werden sollte. Meiner Ansicht nach zu Unrecht, denn in der gleichen Zeit beteiligte er sich mit mehreren Beitr\u00e4gen an den nazikritischen Mitternachtssendungen Wolfgang Frommels, die dieser unter gro\u00dfen pers\u00f6nlichen Risiken von 1933 bis 1935 im deutschen Rundfunk veranstaltete. Und danach konnte es an seiner Haltung keinen Zweifel mehr geben, sicher auch verst\u00e4rkt durch die Tatsache, dass seine halbj\u00fcdische Abstammung jede M\u00f6glichkeit einer eventuellen offiziellen Anstellung verunm\u00f6glichte. Er kehrte aus Abessinien nicht nach Nazideutschland zur\u00fcck, sondern ging ins Exil, zun\u00e4chst zu seiner ebenfalls emigrierten Schwester Rune nach Florenz, die dort die Villa Alboraia er\u00f6ffnet hatte. Dies war eine Pension, die von vielen anderen Vertriebenen regelm\u00e4\u00dfig besucht wurde. Darunter war auch der Freund Georges Karl Wolfskehl, der ihm den uralten sakralen Reichtum seiner bis dahin \u201everh\u00fcllten\u201c j\u00fcdischen Wurzeln ins Bewusstsein brachte. Wolfskehl war \u00fcbrigens wohl der erste, der bereits 1936 enthusiastisch auf die ersten \u00dcbersetzungen des bis anhin unbekannten Kavafis reagierte und ihn aufforderte, doch das gesamte Werk zu \u00fcbertragen.\n\nAber dies war bereits ein Ergebnis der n\u00e4chsten Etappe. 1935 war Helmut aus Italien weitergefl\u00fcchtet und in Athen angekommen. Dort lernte er Neugriechisch und erlebte voll Begeisterung \u201eeinige Jahre intensiver Hingabe an die griechische Sph\u00e4re\u201c, in der f\u00fcr ihn so vieles aus der Antike weiterwirkte. Aber auch in Griechenland war sein Bleiben nicht sicher. Beim Einmarsch der Nazis fl\u00fcchtete er 1941 nach Kairo, wo er als Deutscher festgenommen und interniert wurde, zuerst in Pal\u00e4stina und wegen des drohenden N\u00e4herkommens von Rommels Armee sp\u00e4ter in Uganda. Nach dem Krieg kam er als Lektor f\u00fcr Lateinisch und Griechisch nach \u00c4gypten und hielt die bereits erw\u00e4hnten Vortr\u00e4ge f\u00fcr die Kriegsgefangenen. Und dort erfuhr er den \u201eAnschluss an den Osten\u201c, von dem er mir 1956 erz\u00e4hlte. Aber das war bereits auf der letzten Station, die f\u00fcr Helmut gewisserma\u00dfen eine Heimkehr bedeutete: Athen.\n\nAuf allen diesen Pl\u00e4tzen schrieb, \u00fcbersetzte und dichtete er. Literarisches, Philosophisches, Historisches, Politisches \u2013 die Themen sind weit gestreut, so weit, dass er auf keinem seiner Gebiete den Ruf eines Spezialisten gewinnen konnte und nirgends eine dauerhafte Stellung oder ein festes Gehalt erhielt. Immer wieder waren es Privatstunden, mit denen er sich finanziell \u00fcber die Runden bringen musste. Vielleicht einte er sich selbst mit seiner Kavafis aufrufenden Wortbildung des \u201eIthakesiers\u201c, als \u201eeinem, der im Suchen, nicht im Finden seine Heimat erlebt\u201c.\n\nSeine Unbedingtheit muss viele Leute befremdet haben. Und es war ja nicht so, dass er sich nicht um Anerkennung bem\u00fcht h\u00e4tte. Im Gegenteil, es gibt verschiedene Belege daf\u00fcr, wie er befreundete Gelehrte um ihre F\u00fcrsprache zu Publikationen ersuchte. Erst in seinen letzten Jahren fand er mit seinen \u00dcbersetzungen aus dem Neugriechischen, die teilweise noch in die Emigrationszeit in Athen zur\u00fcckreichen, weite Anerkennung. Warum so vieles Andere unbekannt geblieben ist \u2013 vielleicht, dass Ihr Seminar hier Antworten finden kann.\n\n(Reimar Schefold, geboren 1938 in Basel, ist Professor emeritus f\u00fcr Kulturanthropologie an der Universit\u00e4t Leiden. Langj\u00e4hriges Mitglied des Beirats der Zeitschrift Castrum Peregrini und des Beirats der Stefan-George-Gesellschaft. Er lebt in Amsterdam.)<\/p>\n\n            <button>\n                <span><svg width=\"37\" height=\"37\" viewBox=\"0 0 37 37\" fill=\"none\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\">\n<circle cx=\"18.5\" cy=\"18.5\" r=\"17.5\" transform=\"rotate(-180 18.5 18.5)\" stroke=\"#3b3b3b\" stroke-width=\"2\"\/>\n<path d=\"M18.6897 26.7375L18.6887 10.6444M10.6427 18.6905L18.6893 18.6909L26.7358 18.6914\" stroke=\"#3b3b3b\" stroke-width=\"2\" stroke-linecap=\"round\"\/>\n<\/svg>\n\u0395\u03bc\u03c6\u03ac\u03bd\u03b9\u03c3\u03b7 \u03c0\u03b5\u03c1\u03b9\u03c3\u03c3\u03cc\u03c4\u03b5\u03c1\u03c9\u03bd<\/span>\n                <span><svg width=\"37\" height=\"37\" viewBox=\"0 0 37 37\" fill=\"none\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\">\n<circle cx=\"18.5\" cy=\"18.5\" r=\"17.5\" transform=\"rotate(-180 18.5 18.5)\" stroke=\"#3b3b3b\" stroke-width=\"2\"\/>\n<path d=\"M13 24.3809L24.3788 13.0006M13 13.0006L18.6894 18.6907L24.3789 24.3809\" stroke=\"#3b3b3b\" stroke-width=\"2\" stroke-linecap=\"round\"\/>\n<\/svg>\n\u039b\u03b9\u03b3\u03cc\u03c4\u03b5\u03c1\u03b1 \u03b1\u03c0\u03bf\u03c4\u03b5\u03bb\u03ad\u03c3\u03bc\u03b1\u03c4\u03b1<\/span>\n            <\/button>\n        <\/div>\n    <\/section><\/div>\n\n<div class=\"lazyblock-encounter-section-Z1f4951 wp-block-lazyblock-encounter-section\"><!-- Block: Encounter section -->\n\n\n\n<section class=\"block-encounter-section\">\n            <h2>Ulfa von den Steinen<\/h2>\n    \n            <div class=\"block-encounter-section__content\">\n                            <h3>Gespr\u00e4che mit Onkel Helmut<\/h3>\n            \n            <p>Wenn der Vater uns abends eine Geschichte erz\u00e4hlte, h\u00f6rten wir von Athene und Herakles und all den G\u00f6ttern und Helden, aber auch von den Nibelungen, Dante und K\u00f6nig Lear (die j\u00fcngste von uns drei M\u00e4dchen hie\u00df Cordelia). Er lehrte uns z\u00e4hlen wie die Bakairi, deren Kultur sein eigener Vater auf seinen Amazonasreisen erforschte. Sie z\u00e4hlten mit den Fingern. Ebenso lernten wir alle sieben Geschwister meines Vaters kennen. Sie waren in der Welt verstreut, England, Griechenland, in China, Deutschland und wir in der Schweiz. Der j\u00fcngste der Br\u00fcder war schon im 1.Weltkrieg gefallen.\n\nVon diesen acht Kindern meiner Gro\u00dfeltern war Helmut der \u00e4lteste, gefolgt von meinem Vater Wolfram. In den Jahren 1900\/1901 begannen die zwei Br\u00fcder, noch keine zehn Jahre alt, ein gemeinsames Tagebuch zu f\u00fchren, jeden Sonntag abwechselnd \u00fcber die vergangene Woche. Diese Schulhefte in eleganter S\u00fctterlin-Schrift las der Vater uns vor, als wir etwa im selben Alter waren. Wir h\u00f6rten, welche B\u00fccher die Mutter vorlas, wie sie mit dem Vater turnen gingen, dass sie zu zweit im Grunewald spazierten und dann in einem vornehmen Kaffeehaus Schokolade tranken. In jenem Jahr wurde ihr franz\u00f6sisches Kinderm\u00e4dchen vom russischen abgel\u00f6st, damit sie die Sprachen erlernten. Auch hatten sie einen pers\u00f6nlichen Tanzlehrer und der kleine Chronist Wolfram notierte, dass es Helmut wichtig war, sich besonders anmutig zu bewegen. Auffallend war Helmuts Interesse an Menschen. So bewunderte ich meinen Onkel Helmut schon als wir gewisserma\u00dfen beide zehn Jahre alt waren.\n\nAls der Krieg vorbei war, kamen Verwandte und Freunde zu uns nach Basel, wo auch die j\u00fcngste Schwester meines Vaters, Marianne, mit ihrer Familie die b\u00f6sen Zeiten \u00fcberstanden hatte. Wohl im Fr\u00fchjahr 1954, ich war 15, kam die Nachricht, dass Helmut aus \u00c4gypten kommen und bei uns wohnen w\u00fcrde. Es gingen ihm zahlreiche Geschichten voraus: dass er ein schweres Schicksal gehabt h\u00e4tte, sehr arm, unp\u00fcnktlich und vergesslich w\u00e4re, ein Lexikon an Wissen und \u2013 Gipfel meiner Bewunderung \u2013 dass er 21 Sprachen (oder waren es 23?) sprechen w\u00fcrde. Auf meine Frage, warum er keine Familie und Kinder h\u00e4tte, meinte meine Mutter Georgine, dass er nicht Frauen liebte, sondern M\u00e4nner.\n\nNun war er also da und brachte uns Geschenke mit. Etwa eine \u00e4gyptische Halskette aus bunten Steinen und Achaten, einen gr\u00fcnblauen Skarab\u00e4us, eine sehr sch\u00f6ne gro\u00dfe falsche antike M\u00fcnze, und als Interessantestes einen neu erfundenen View-Master durch den wir dreidimensionale Ananasfelder in Hawaii oder Zebras in Afrika sehen konnten.\n\nZu jener Zeit war ich wegen eines Beinleidens f\u00fcr drei Monate von der Schule dispensiert, und so \u00fcbernahm Helmut meine weitere Bildung. Er tat das auf ebenso am\u00fcsante wie ernsthafte Weise und legte als erstes den Koran beiseite, den ich auswendig lernen wollte, um so vielleicht seinen Sinn zu verstehen. Er empfahl mir stattdessen als viel bedeutender den Buddhismus und so begann unsere gemeinsame Reise zu dessen Quellen, zum Glanz der indischen K\u00f6nigsh\u00f6fe und dem jungen Prinzen Gautama. Durch ihn erfuhr ich von vielen L\u00e4nder des nahen und fernen Orients, ihren Vorstellungen und Religionen, und erstmals weitete sich mein Horizont weit \u00fcber Europa hinaus. Er war selbst weit gereist, etwa nach Russland, im Auftrag des Ethnologen Leo Frobenius nach Afrika, in Griechenland war er mit neuen Dichtern befreundet, in Indien mit Sri Krishna Menon. Bei uns reiste niemand.\n\nMein Vater, ein nicht weniger begabter Erz\u00e4hler, war kein froher Mensch, er litt sehr unter dem Verlust seiner alten Welt und verstand die Entwicklungen der Zeit nicht als \u201eFortschritt\u201c, sondern als neue Gefahren. Das war schwer f\u00fcr uns junge M\u00e4dchen und deshalb war Onkel Helmut unendlich ermutigend und wichtig. Meiner noch jungen Mutter ging es wohl \u00e4hnlich. Helmut liebte es, beim Kochen in der K\u00fcche zu sitzen und ihr so wunderbare Geschichten zu erz\u00e4hlen, dass sie beim Sonntagskuchen das Mehl verga\u00df.\n\nSo wechselten Kind- und Weltbewegendes, und eines Tages kehrte Helmut nach \u00c4gypten zur\u00fcck. Das war \u00fcberaus traurig und wir haben ihn nie wiedergesehen. Aber jede trug ihre Erinnerung, ihre eigene Geschichte mit diesem geliebten Menschen lebenslang mit sich. Als er nur zwei Jahre sp\u00e4ter starb, modellierte meine Schwester, die Bildhauerin Cordelia von den Steinen, ihren ersten Portr\u00e4tkopf aus Ton nach ihrer Erinnerung. Er glich ihm erstaunlich (leider gibt es kein Foto). Der Kopf wurde sp\u00e4ter in den Garten gesetzt, wo er im Verlauf der Zeit zur Erde zur\u00fcckkehrte, ein Denkmal der Verg\u00e4nglichkeit \u2013 nicht aber des Vergessens.\n\nJene gl\u00fccklichen Wochen hatten ein merkw\u00fcrdiges Nachspiel um die Wende der 1970\/1980er Jahre. Ich leitete damals den Verlag Kraus Reprint in Liechtenstein, seit 1980 in M\u00fcnchen. Ein Redakteur der Z\u00fcricher NZZ rief an, er h\u00e4tte von mir geh\u00f6rt und wollte mich besuchen. Er kam und anstatt \u00fcber meine Arbeit fragte er mich nur nach meiner Beziehung zu Helmut. Er erz\u00e4hlte, dass er in Kairo studiert und diesem unendlich viel und gl\u00fcckliche Stunden zu verdanken h\u00e4tte.\n\nDenkw\u00fcrdig war auch ein Besuch des Schriftstellers Armin T. Wegner, mit dem ich einmal einen Verlagsvertrag abgeschlossen hatte. Er war uralt und m\u00fcde und hatte den Verlag mit Hilfe des f\u00fcrstlichen Sekret\u00e4rs gefunden. Auch er war gekommen, weil er \u00fcber Helmut sprechen wollte. Das hat sich aber anders entwickelt. Er stand und sa\u00df und erz\u00e4hlte mir in mehreren Stunden sein eigenes tragisches Leben, seinen Brief an Hitler und die Folgen. Er starb bald danach.\nEin Jahr sp\u00e4ter ungef\u00e4hr meldete sich der Philosoph Raymond Klibansky, mit dem ich ebenfalls korrespondiert hatte: er wolle mich in Liechtenstein besuchen. Nach einem kleinen Rundgang sprach er nur \u00fcber die Familie von den Steinen, voll Verehrung \u00fcber Helmut und seine j\u00fcngste Schwester Marianne.\n\nEtwas sp\u00e4ter, bereits in M\u00fcnchen, klingelte es an meiner Wohnungst\u00fcr und davor stand ein kleiner d\u00fcnner alter Mann mit Rucksack, er wolle mich besuchen. Etwas ratlos bat ich ihn herein, er nannte seinen merkw\u00fcrdigen Namen, den ich nicht genau verstand und nahm nur ein Glas Wasser, um dann vor allem von Helmut erz\u00e4hlen, seinem geliebten, unvergesslichen Freund und ihm sehr fehlenden Gespr\u00e4chspartner. Erst einige Jahre sp\u00e4ter besuchte ich in Konstanz eine gro\u00dfe K\u00fckelhaus-Ausstellung und erkannte nun, wer damals mein Gast gewesen war.\n\nUnd als letzter kam Fritz Gotthelf, der als Innenarchitekt bekannt wurde, und wollte von seiner Liebe zu Helmut sprechen, wie sie gemeinsam die Lagerzeit durchgestanden hatten. Es war \u00fcberaus ergreifend und auch traurig. Ich versprach ihn zu besuchen, aber als ich kurze Zeit sp\u00e4ter anrief, erfuhr ich, dass er gestorben war.\n\nDas alles innert sehr weniger Jahre.\n\n23. April 2025\n\n(Ulfa von den Steinen, geboren 1939 in Basel, ist Verlegerin und Lektorin. Sie lebt in Berlin.<\/p>\n\n            <button>\n                <span><svg width=\"37\" height=\"37\" viewBox=\"0 0 37 37\" fill=\"none\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\">\n<circle cx=\"18.5\" cy=\"18.5\" r=\"17.5\" transform=\"rotate(-180 18.5 18.5)\" stroke=\"#3b3b3b\" stroke-width=\"2\"\/>\n<path d=\"M18.6897 26.7375L18.6887 10.6444M10.6427 18.6905L18.6893 18.6909L26.7358 18.6914\" stroke=\"#3b3b3b\" stroke-width=\"2\" stroke-linecap=\"round\"\/>\n<\/svg>\n\u0395\u03bc\u03c6\u03ac\u03bd\u03b9\u03c3\u03b7 \u03c0\u03b5\u03c1\u03b9\u03c3\u03c3\u03cc\u03c4\u03b5\u03c1\u03c9\u03bd<\/span>\n                <span><svg width=\"37\" height=\"37\" viewBox=\"0 0 37 37\" fill=\"none\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\">\n<circle cx=\"18.5\" cy=\"18.5\" r=\"17.5\" transform=\"rotate(-180 18.5 18.5)\" stroke=\"#3b3b3b\" stroke-width=\"2\"\/>\n<path d=\"M13 24.3809L24.3788 13.0006M13 13.0006L18.6894 18.6907L24.3789 24.3809\" stroke=\"#3b3b3b\" stroke-width=\"2\" stroke-linecap=\"round\"\/>\n<\/svg>\n\u039b\u03b9\u03b3\u03cc\u03c4\u03b5\u03c1\u03b1 \u03b1\u03c0\u03bf\u03c4\u03b5\u03bb\u03ad\u03c3\u03bc\u03b1\u03c4\u03b1<\/span>\n            <\/button>\n        <\/div>\n    <\/section><\/div>\n<\/div>\n    <\/div>\n<\/section>\n\n\n\n<script src=\"https:\/\/helmutvondensteinen.eu\/wp-content\/themes\/helmut-steinen-theme\/assets\/js\/block-encounter-section.js\"><\/script><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"_acf_changed":false,"_seopress_robots_primary_cat":"","_seopress_titles_title":"","_seopress_titles_desc":"","_seopress_robots_index":"","footnotes":""},"class_list":["post-2823","page","type-page","status-publish"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/helmutvondensteinen.eu\/el\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/2823","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/helmutvondensteinen.eu\/el\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/helmutvondensteinen.eu\/el\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/helmutvondensteinen.eu\/el\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/helmutvondensteinen.eu\/el\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2823"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/helmutvondensteinen.eu\/el\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/2823\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3158,"href":"https:\/\/helmutvondensteinen.eu\/el\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/2823\/revisions\/3158"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/helmutvondensteinen.eu\/el\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2823"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}