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Begegnungen

Cordelia von den Steinen

Für Helmut

Onkel Helmut hat in meiner kindlichen Fantasie als bewundernswerter Junge gelebt. So kannte ich ihn aus den Tagebüchern, die er zusammen mit seinem Bruder, meinem Vater Wolfram, als Zehnjähriger geführt hatte. Ein gutes halbes Jahrhundert später, zwei Weltkriege lagen dazwischen, hat sie uns mein Vater vorgelesen: Zeugnisse der anderen Welt dieser so großzügig lebenden Familie mit ihren acht Kindern, einer Bonne für die Kleinen, einem russischen Fräulein für Helmut und Wolfram, frischen warme Brötchen zum Frühstück, und der für mich so bewundernswerte Selbstständigkeit der beiden ältesten Brüder Helmut und Wolfram. Aber zurück: Eines Tages wurde aus der Fantasiefigur Helmut eine wirkliche Gestalt. Ich denke, ich war so ungefähr zwölf, als der schon ältere Mann zu uns nach Basel kam. Ich selber war noch nie viel weiter als Luzern gewesen. Er, der von fernen biblischen Orten her kam, verkörperte für mich sogleich eine ganze Welt, er nährte meine kindliche Fantasie mit seinen Erzählungen über Ägypten, den Nil, die meine biblischen Vorstellungen von Joseph und Moses lebendig ergänzten. Auch mein Vater konnte wunderbar erzählen, aber Helmut faszinierte auf eine sehr besondere Weise. Ich war jedoch gerade noch etwas zu jung, um mit ihm über Ernsteres zu sprechen, wie meine Schwester Ulfa es konnte und tat. So wie Helmut plötzlich da war, so verschwand er auch wieder aus unserm Gesichtskreis. Mit Ulfa teilte ich eine Mansarde: mein Bett und Tisch auf der rechten Seite, der ihre auf der linken, rechts ein großes Durcheinander, links eine beruhigende Ordnung. Eines Tages, ich war damals fünfzehn, rief uns die Mutter, wir sollten bitte herunterkommen. Da stand der Vater in tiefer tränenloser Trauer und teilte uns mit, Onkel Helmut sei gestorben, weit weg auf einer griechischen Insel. Es gab für uns also keinen Ort des Gedenkens, keine Form des Abschieds. Sehr tief betroffen ging ich zurück in meine Mansarde. Ich hatte vor ein paar Tagen einen schweren Kloß Ton hinauf geschleppt, und nun kam der Moment etwas daraus zu machen. Ich modellierte in einem Zug Helmuts Porträt. Das Resultat war gewiss sehr dilettantisch, aber offenbar äußerst ähnlich, denn als ich den Kopf hinuntergebracht habe, erschraken meine Eltern tief. Damals erlebte ich stark wie ein Formgeben die innere Unruhe zu dämmen vermag. So habe ich auf der Schwelle meines Erwachsenwerdens, mit dem Hinschied von Onkel Helmut, meinen Weg als Bildhauerin gesehen und entschieden. 24. April 2025 (Cordelia von den Steinen, geboren 1941 in Basel, ist Bildhauerin. Sie lebt in Fivizzano in der Toskana.)

Reimar Schefold

Der späte George-Kreis, Griechenland und der zu Unrecht vergessene Dichter und Publizist Helmut von den Steinen

Vortrag, gehalten an der Freien Universität Berlin am 20. Januar 2017 Um Helmut von den Steinen besser zu verstehen, möchte ich heute versuchen, einige persönliche und Familien-Erinnerungen mit Daten aus seinem Leben und mit Entwicklungen in seinem Denken zu kombinieren. Natürlich kann das nur ein erster Ansatz sein und vielleicht eine Grundlage für ein anschließendes Gespräch. Mein Onkel Helmut war der älteste von acht Geschwistern, von denen meine Mutter Marianne, 15 Jahre später geboren, die jüngste war. Wenn er bei uns in Basel von einer seiner Reisen erschien, war es jedes Mal, als ob sich ein Fenster zur Welt öffnen würde. Wie mein Vater, der klassische Archäologe Karl Schefold, war er zeitlebens ein großer Bewunderer Stefan Georges – die Archäologen waren damals wohl allesamt George-Anhänger –; aber was bei uns ganz in die Familie eingebunden war und gewissermaßen zum Haushalt gehörte, erschien bei ihm in einem weltmännischen Rahmen, der die häusliche Enge öffnete und verwandelte. Näher kennengelernt habe ich ihn aber erst am Ende seines Lebens, im Herbst 1956, als ich nach meiner ersten Griechenlandreise einige Wochen in Athen war und Helmut dort aus Alexandria eintraf, um die Gestaltung einer Stellung für Germanistik an der Technischen Universität vorzubereiten. Er hoffte, als Kriegsgeschädigter dafür staatliche deutsche Unterstützung zu erhalten, aber sein plötzlicher Tod im Dezember kam dem allem zuvor. Aber vielleicht sollte ich mit den frühen Jahren beginnen. Sein Vater war der Ethnologe Karl von den Steinen, der durch seine Entdeckung unbekannter indigener Stämme in Brasilien in den Achtzigerjahren und seine späteren Forschungen auf den Marquesainseln in Polynesien bekannt geworden war, seine Mutter Eleonore Herzfeld, die Tochter eines deutschen Bankiers aus jüdischer, zum Protestantismus konvertierter Familie, der in den USA ein Vermögen verdient hatte und später wieder in die Heimat zurückgekehrt war. Der Vater stand ganz im positivistisch-evolutionistischen Zeitgeist seiner Epoche, und die Zuwendung zu Stefan George, die beinahe alle Geschwister teilten, dürfte ihm nicht ganz geheuer gewesen sein. Meine Mutter erzählte, wie dies begonnen hatte. 1907, mit 17 Jahren, kam der Gymnasiast Helmut mit einigen Bänden Stefan George, die er irgendwo in einem Antiquariat erworben hatte, nach Hause zu seiner Mutter. Die beiden fingen in zwei aneinandergrenzenden Zimmern an, zu lesen, trafen sich immer wieder, um sich gegenseitig ihre Begeisterung zu versichern, und schließlich erschien die Mutter mit rotem Kopf: „Ich habe mir immer gewünscht, zur Zeit eines großen Dichters zu leben. Heute sehe ich, dass mir dieser Wunsch erfüllt worden ist.“. Nach dem Abitur 1909 begann Helmut an verschiedenen Universitäten mit einem nationalökonomisch und germanistisch orientiertem Studium, das er auf energisches Betreiben seines Vaters, der ihm eine Sekretärin zur Verfügung gestellt haben soll, bereits 1912 bei Alfred Weber in Heidelberg mit einer Dissertation über das Moderne Buch abschloss. Leider kam es später zu einem Vorfall, den ihm sein jüngerer Bruder, der Germanist Wolfram von den Steinen, der in Marburg bei Friedrich Wolters studierte und sich dadurch eine größere Nähe zum verehrten Stefan George erhoffte, niemals vergeben konnte. Gemeinsam mit einem Freund, dem Philosophiestudenten Hans-Georg Gadamer, hatte Helmut von der Bibliothek als „nicht ausleihbar“ markierte Bücher mitgenommen und durch den darauf folgenden Skandal das Missvergnügen des als sehr ordnungsliebend bekannten Dichters auf sich gezogen. Denn Gadamer war mit Wolfram verwechselt worden und dieser damit ebenfalls in Ungnade gefallen. George wollte von den ganzen von den Steinens nichts mehr wissen und soll gesagt haben: „Der Vater ist noch der Beste von allen“, denn er las mit großem Interesse dessen Reisebeschreibungen. Später wurde dieses Verdikt gemildert und der George-Kreis blieb ihr Leben lang die geistige Heimat der Geschwister. Helmut schrieb später in seiner Vita Platonica, dass ihm die Dichtung Georges „eine universale Vision vom Menschen“ bedeutete, in der mit „einer bisher im Westen unbekannten Klangmagie“ für jede menschliche Stufe die „ihr gemäße Spiegelung eines kosmischen Lichts“ gegeben und eine überpersönliche Gesetzlichkeit offenbart wird. Aber zu einer Begegnung ist es nie gekommen. Helmuts Freund Wolfgang Frommel zufolge studierte er nach der Promotion in Heidelberg Alte Sprachen und bewegte sich in einem Kreis von jungen Wissenschaftlern und Literaten, die sich wie er George verbunden wussten und zum Teil auch bereits mit eigenen Publikationen hervortraten. Frommel nennt unter anderem den Platonforscher Heinrich Friedemann und den Neuentdecker Hölderlins Norbert von Hellingrath; von einer eigenen publizistischen Tätigkeit Helmuts in diesen Jahren ist mir jedoch nichts bekannt. 1914 melden sich Wolfram und Helmut gemeinsam freiwillig bei der Kavallerie. Ihr jüngerer Bruder Reimar, der gerade seinen Militärdienst leistete, wurde ohnehin eingezogen, er ist in den ersten Kriegsmonaten in Frankreich gefallen. Helmut beklagt in seinen unveröffentlichten Kriegserinnerungen, die er zusammen mit denen seiner Geschwister seinen Eltern zu Weihnachten 1918 überreichte, den geisttötenden Drill, verbunden mit der Sorge, dass man, wie er schreibt, „bei dieser endlosen Ausbildung vielleicht überhaupt gar nicht ins Feld kommen würde“. Dieser Sorge wurde er Ende des Jahres durch den Einsatz der Truppe in Flandern enthoben. Und dort begann die Tätigkeit, die Helmut ein Leben lang begleiten sollte. Er lernte Holländisch und wurde als beeidigter Dolmetscher verwendet. Und im Sommer darauf, 1915, kam es auch zum ersten von Helmuts vielen späteren Aufbrüchen in ferne Länder: die Truppe wurde im Osten eingesetzt. In Polen traf er sich am 12.Juli, Georges Geburtstag, mit Wolfram und las mit ihm Gedichte. Das Unzeitgemäße einer Garde-Kavallerie-Division, der Helmut angehörte, zeigte sich allerdings darin, dass er kaum zum Einsatz kam. Nur einmal nahm er an einer Kavallerie-Attacke teil. Sie brachte ihn zu dem herrlichen Satz: „In breiter gelöster Front stürmten wir über Kornfelder vorwärts und bedrohten mit unseren Lanzen die guten Russen, die ziemlich hilflos nach geringstem Widerstande Gefangenschaft dem Kampf vorzogen.“ Auf diese heute vergleichsweise beinahe idyllisch wirkende Episode folgte ein Rückschlag. Helmut musste sich aufgrund einer Reitverletzung in Deutschland operieren lassen. Und erneut erfüllte sich seine Bestimmung. Bulgarien war als Verbündeter der Mittelmächte in den Weltkrieg eingetreten, und es kam zu einem großen Bedarf an bulgarischen Dolmetschern. Helmut lernte die Sprache, wobei ihm seine Russischkenntnisse von seinem früheren russischen Kindermädchen her zustattenkommen mochten, und bestand das Examen. 1916 kam er nach Sofia. Land und Leute sagten ihm gleichermaßen zu, und froh berichtet er von einer Begegnung mit dem dort gleichfalls eingesetzten George-Freund Friedrich Wolters. Er half in der Redaktion der 1917 gegründeten Deutschen Balkan-Zeitung und hielt vor jungen Bulgaren auf Bulgarisch Vorträge über geistige Entwicklungen in Deutschland – wie ein Vorspiel zu seinen eine Generation späteren (1948) Vorträgen für die deutschen Kriegsgefangenen in ägyptischen Lagern. Das letzte Kriegsjahr verbrachte er in Berlin in der Nachrichtenabteilung für Bulgarien. Die Erlebnisse des Kriegs hätten ihn gelehrt, so beschließt Helmut seine Erinnerungen, „die Dinge der Welt schärfer und bestimmter zu sehen und darum für die Gestaltung meines eigenen Lebens sicherer und entschlossener zu werden.“ Die nächste unveröffentlichte Quelle zu Helmut von den Steinen ist ein Manuskript von 1925, das er zusammen mit Beiträgen seiner Geschwister dem Vater Karl von den Steinen zu dessen siebzigstem Geburtstag als Festschrift überreicht hat. Diese Beiträge zeugen von der erstaunlichen Interessenvielfalt der überlebenden sieben Geschwister. Die jüngste, meine Mutter, schrieb einen Aufsatz über einen Goethe-Spruch, Ursula, die zweitjüngste, über Geflügelzucht, danach der jüngste Sohn, der spätere Sinologe Diether, deutlich von seinem Vater inspiriert, oder, so hieß es in der Familie, mehr oder weniger von diesem diktiert, über „Das Ständewesen der Polynesier“. Dann kam die Ärztin Rune, erneut mit einem Goethetext, die älteste Schwester Herlinde mit einem archäologischen Thema, ihr Mann, der Arzt und persönliche Bekannte Stefan Georges, Erich Wolff, mit einem Bericht über Leukämie, Wolfram über Franz von Assisi, und schließlich Helmut über Platons Atlantis. Helmuts Text enthält seine vielleicht erste erhaltene Übersetzung aus einem platonischen Dialog, dem Kritias. In seiner Einleitung dazu klingt an, dass einer der Gründe für seine Faszination von diesem Text der Gedanke an seines Vaters evolutionistisch geprägtes Werk über Brasilien gewesen sein könnte. Atlantis wird pauschal mit dem Bild eines phantastischen Amerika gleichgesetzt, in dem sich prähistorische Zustände heranbilden, einem Barbarenreich, das dann in einem Kampf mit Athen überwunden wird. In Helmuts Worten: „Der Mensch musste sich im Laufe sehr langer Zeiträume und im härtesten Kampf gegen die feindlichen Naturgewalten allmählich die technischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen für ein höheres geistiges Dasein schaffen.“ Nach Platon zeichnen sich damit zwei Grundstadien der Entwicklung ab, von einem ideal geschaffenen geistigen Menschheitszustand hin zur Katastrophenzeit des Verfalls, aus dem dann wieder die Stufe eines neuen idealen Urseins hervorgehen kann. Die Übersetzung liest sich für mein Laienauge hervorragend und verdiente vielleicht eine weitere Verbreitung. Und im Zeichen der gegenwärtigen politischen Vorgänge fällt der Satz besonders auf, mit dem Helmut seinen Beitrag über das phantastische Amerika schließt: „Nach vielen Jahren der Blüte entartete Atlantis zu gierigem Eroberungsdrang, und Zeus beschloss die Bestrafung.“. Ich bin etwas ausführlicher auf diese frühen Texte eingegangen, weil sie mir als unbekannte Auftakte zu Helmuts späterem Leben von Interesse erscheinen. Wolfgang Frommel, ein langjähriger Freund Helmuts und Gründer der Zeitschrift Castrum Peregrini im Amsterdamer Exil, hat auf die vielen Widersprüchlichkeiten in diesem späteren Leben hingewiesen. Auch er betont das weltmännische Auftreten, das uns Kindern so imponiert hatte, aber auch den Eigensinn und die Unverbindlichkeit in allen Gesprächen um geistige Fragen. Helmut konnte in seinen Schriften leidenschaftlich den Rausch verteidigen, aber wie war es in seinem Leben? Als ich ihm 1956 in Athen begegnete, das er doch von seinen früheren Aufenthalten durch und durch kannte, wunderte ich mich über die Einsamkeit, in der er verkehrte. Ich dachte an eine andere Anekdote meiner Mutter, in der sie von einer Hochzeit erzählte, zu der Helmut als kleiner Junge eingeladen war. Er sah sich das Heiratsfest an und sagte dann plötzlich ganz bestimmt: „Ich heirate alleine!“ Ich muss gestehen, dass ich 1956 große Schwierigkeiten hatte, Helmut näher zu kommen. Er war ganz im Bann der weltüberlegenen Weisheit des indischen Philosophen und Guru Sri Krishna Menon. Er war diesem im Hause seines Freundes Roger Godel am Suezkanal selbst begegnet und erfuhr in seiner Lehre vom unsterblichen Tiefschlafbewusstsein eine Bestätigung der eigenen platonischen Vorstellungen von der Welt der Ideen, im Gegensatz zur heutigen europäischen Dominanz der Praxis. Aber den Achtzehnjährigen, der gerne das Athener Asugangsleben genossen hätte, konnte er unerbittlich damit langweilen. Besser hätte ich wohl weiterfragen sollen. Denn was Helmut hier bewegte, war im Grunde eine Wiederaufnahme der Gedanken, die er schon als Fünfundzwanzigjähriger bei Plato gefunden hatte. Sie bestätigten ihm einen zukunftsgerichteten Optimismus, wie er ihn, offenbar in diesen Jahren, in einem undatierten Aufsatz niedergelegt hat: „Für das welterobernde Ich hat radikal die letzte Stunde geschlagen.“ Nach einem „Weg […] durch die grauenhaftesten Kriege hindurch“ kommt unweigerlich die Stufe einer neuen „friedlichen […] geistigen Richtung der Menschheit“ wie sie in der indischen Weisheit seit Jahrtausenden verankert ist, freilich, wie er betont, ohne in die modische romantische Verwirrung einer Verfluchung des technischen Fortschritts zu verfallen. Und in seiner Einleitung zu den Kavafis-Gedichten meinte er sogar, dass ein solcher Neuanfang mit erneuendem Zauber von Griechenland ausgehen könnte, denn „der Rand entscheidet in Krisen oft mehr als die Mitte.“ Aber bevor dieser zyklische Gedankenbigen geschlossen war, sollten noch viele Jahre vergehen. Die Unverbindlichkeit Helmuts in der Entwicklung seiner Gedanken kann vielleicht auch helfen zu verstehen, warum Helmut, wie es in der Einladung zum heutigen Gespräch heißt, heute „zu Unrecht vergessen“ ist. Als ich aus dem Nachlass meiner Tante Rune den Berg von Manuskripten erhielt, über den ich mit Torsten Israel ins Gespräch gekommen bin, war meine erste Reaktion ein Staunen über die Unermüdlichkeit eines Autors, der sich durch das dauerhafte Ausbleiben von Widerhall offensichtlich nicht entmutigen ließ. Ich nehme an, dass in diesem Seminar die Stationen aus Helmuts Leben bekannt sind, in denen er seine Werke verfasste: Nach literarischen Tätigkeiten im Deutschland der Zwanziger Jahre, worunter sich bereits 1929 ein neugriechisches Thema findet, und zwar in Form eines Vorworts zu einem von einem Vetter mütterlicherseits, Paul Hallgarten, gesammelten Band von Erzählungen der Insel Rhodos, kam er 1928 an das Institut des Ethnologen und Kulturmorphologen Leo Frobenius in Frankfurt. 1934 nahm er auch an einer von dort aus organisierten Expedition nach Äthiopien teil. Was Frobenius für Helmut bedeutete, hat er in seiner Vita Platonica ausgesprochen. Lebendige Anschauung im Frankfurter kulturmorphologischen Institut wurde durch rituelle Tänze von eingeladenen Schwarzafrikanern vermittelt. Immer auf der Suche nach dem „sakralen Universum“, das Platon in seiner Ideenwelt beschwor, fand Helmut hier, bei den Angehörigen der dunkelhäutigen Stämme Afrikas, die „Träger einer ursprünglichen Humanität“, die ohne Machtapparat „sakrale Energien“ verleiblichten. Was er von dieser „vorgeschichtlichen Universalepoche“ dann in Abessinien gefunden hat, ist mir leider nicht bekannt. Er sollte dort in den Amharaprovinzen sprachlich und geschichtlich arbeiten, aber meine Mutter meinte, dass davon wenig zurückgekommen sei, und er vor allem an einer seiner Dichtungen, einer Fortführung von Goethes Natürliche[r ]Tochter, gearbeitet habe. Auch für Helmuts Haltung gegenüber dem aufkommenden Nationalsozialismus gibt der Name Frobenius einen Hinweis. Helmut war sicher nicht immun für die zeitgenössischen Töne, wie sie damals auch im Umkreis von Frobenius grassierten, und schrieb 1933 in dessen Festschrift: „Das Studium der Kulturmorphologie muss die Befähigung zur nationalen Revolution steigern“, eine fatal klingende Äußerung, die ihm nach dem Krieg von Ethnologen angekreidet werden sollte. Meiner Ansicht nach zu Unrecht, denn in der gleichen Zeit beteiligte er sich mit mehreren Beiträgen an den nazikritischen Mitternachtssendungen Wolfgang Frommels, die dieser unter großen persönlichen Risiken von 1933 bis 1935 im deutschen Rundfunk veranstaltete. Und danach konnte es an seiner Haltung keinen Zweifel mehr geben, sicher auch verstärkt durch die Tatsache, dass seine halbjüdische Abstammung jede Möglichkeit einer eventuellen offiziellen Anstellung verunmöglichte. Er kehrte aus Abessinien nicht nach Nazideutschland zurück, sondern ging ins Exil, zunächst zu seiner ebenfalls emigrierten Schwester Rune nach Florenz, die dort die Villa Alboraia eröffnet hatte. Dies war eine Pension, die von vielen anderen Vertriebenen regelmäßig besucht wurde. Darunter war auch der Freund Georges Karl Wolfskehl, der ihm den uralten sakralen Reichtum seiner bis dahin „verhüllten“ jüdischen Wurzeln ins Bewusstsein brachte. Wolfskehl war übrigens wohl der erste, der bereits 1936 enthusiastisch auf die ersten Übersetzungen des bis anhin unbekannten Kavafis reagierte und ihn aufforderte, doch das gesamte Werk zu übertragen. Aber dies war bereits ein Ergebnis der nächsten Etappe. 1935 war Helmut aus Italien weitergeflüchtet und in Athen angekommen. Dort lernte er Neugriechisch und erlebte voll Begeisterung „einige Jahre intensiver Hingabe an die griechische Sphäre“, in der für ihn so vieles aus der Antike weiterwirkte. Aber auch in Griechenland war sein Bleiben nicht sicher. Beim Einmarsch der Nazis flüchtete er 1941 nach Kairo, wo er als Deutscher festgenommen und interniert wurde, zuerst in Palästina und wegen des drohenden Näherkommens von Rommels Armee später in Uganda. Nach dem Krieg kam er als Lektor für Lateinisch und Griechisch nach Ägypten und hielt die bereits erwähnten Vorträge für die Kriegsgefangenen. Und dort erfuhr er den „Anschluss an den Osten“, von dem er mir 1956 erzählte. Aber das war bereits auf der letzten Station, die für Helmut gewissermaßen eine Heimkehr bedeutete: Athen. Auf allen diesen Plätzen schrieb, übersetzte und dichtete er. Literarisches, Philosophisches, Historisches, Politisches – die Themen sind weit gestreut, so weit, dass er auf keinem seiner Gebiete den Ruf eines Spezialisten gewinnen konnte und nirgends eine dauerhafte Stellung oder ein festes Gehalt erhielt. Immer wieder waren es Privatstunden, mit denen er sich finanziell über die Runden bringen musste. Vielleicht einte er sich selbst mit seiner Kavafis aufrufenden Wortbildung des „Ithakesiers“, als „einem, der im Suchen, nicht im Finden seine Heimat erlebt“. Seine Unbedingtheit muss viele Leute befremdet haben. Und es war ja nicht so, dass er sich nicht um Anerkennung bemüht hätte. Im Gegenteil, es gibt verschiedene Belege dafür, wie er befreundete Gelehrte um ihre Fürsprache zu Publikationen ersuchte. Erst in seinen letzten Jahren fand er mit seinen Übersetzungen aus dem Neugriechischen, die teilweise noch in die Emigrationszeit in Athen zurückreichen, weite Anerkennung. Warum so vieles Andere unbekannt geblieben ist – vielleicht, dass Ihr Seminar hier Antworten finden kann. (Reimar Schefold, geboren 1938 in Basel, ist Professor emeritus für Kulturanthropologie an der Universität Leiden. Langjähriges Mitglied des Beirats der Zeitschrift Castrum Peregrini und des Beirats der Stefan-George-Gesellschaft. Er lebt in Amsterdam.)

Ulfa von den Steinen

Gespräche mit Onkel Helmut

Wenn der Vater uns abends eine Geschichte erzählte, hörten wir von Athene und Herakles und all den Göttern und Helden, aber auch von den Nibelungen, Dante und König Lear (die jüngste von uns drei Mädchen hieß Cordelia). Er lehrte uns zählen wie die Bakairi, deren Kultur sein eigener Vater auf seinen Amazonasreisen erforschte. Sie zählten mit den Fingern. Ebenso lernten wir alle sieben Geschwister meines Vaters kennen. Sie waren in der Welt verstreut, England, Griechenland, in China, Deutschland und wir in der Schweiz. Der jüngste der Brüder war schon im 1.Weltkrieg gefallen. Von diesen acht Kindern meiner Großeltern war Helmut der älteste, gefolgt von meinem Vater Wolfram. In den Jahren 1900/1901 begannen die zwei Brüder, noch keine zehn Jahre alt, ein gemeinsames Tagebuch zu führen, jeden Sonntag abwechselnd über die vergangene Woche. Diese Schulhefte in eleganter Sütterlin-Schrift las der Vater uns vor, als wir etwa im selben Alter waren. Wir hörten, welche Bücher die Mutter vorlas, wie sie mit dem Vater turnen gingen, dass sie zu zweit im Grunewald spazierten und dann in einem vornehmen Kaffeehaus Schokolade tranken. In jenem Jahr wurde ihr französisches Kindermädchen vom russischen abgelöst, damit sie die Sprachen erlernten. Auch hatten sie einen persönlichen Tanzlehrer und der kleine Chronist Wolfram notierte, dass es Helmut wichtig war, sich besonders anmutig zu bewegen. Auffallend war Helmuts Interesse an Menschen. So bewunderte ich meinen Onkel Helmut schon als wir gewissermaßen beide zehn Jahre alt waren. Als der Krieg vorbei war, kamen Verwandte und Freunde zu uns nach Basel, wo auch die jüngste Schwester meines Vaters, Marianne, mit ihrer Familie die bösen Zeiten überstanden hatte. Wohl im Frühjahr 1954, ich war 15, kam die Nachricht, dass Helmut aus Ägypten kommen und bei uns wohnen würde. Es gingen ihm zahlreiche Geschichten voraus: dass er ein schweres Schicksal gehabt hätte, sehr arm, unpünktlich und vergesslich wäre, ein Lexikon an Wissen und – Gipfel meiner Bewunderung – dass er 21 Sprachen (oder waren es 23?) sprechen würde. Auf meine Frage, warum er keine Familie und Kinder hätte, meinte meine Mutter Georgine, dass er nicht Frauen liebte, sondern Männer. Nun war er also da und brachte uns Geschenke mit. Etwa eine ägyptische Halskette aus bunten Steinen und Achaten, einen grünblauen Skarabäus, eine sehr schöne große falsche antike Münze, und als Interessantestes einen neu erfundenen View-Master durch den wir dreidimensionale Ananasfelder in Hawaii oder Zebras in Afrika sehen konnten. Zu jener Zeit war ich wegen eines Beinleidens für drei Monate von der Schule dispensiert, und so übernahm Helmut meine weitere Bildung. Er tat das auf ebenso amüsante wie ernsthafte Weise und legte als erstes den Koran beiseite, den ich auswendig lernen wollte, um so vielleicht seinen Sinn zu verstehen. Er empfahl mir stattdessen als viel bedeutender den Buddhismus und so begann unsere gemeinsame Reise zu dessen Quellen, zum Glanz der indischen Königshöfe und dem jungen Prinzen Gautama. Durch ihn erfuhr ich von vielen Länder des nahen und fernen Orients, ihren Vorstellungen und Religionen, und erstmals weitete sich mein Horizont weit über Europa hinaus. Er war selbst weit gereist, etwa nach Russland, im Auftrag des Ethnologen Leo Frobenius nach Afrika, in Griechenland war er mit neuen Dichtern befreundet, in Indien mit Sri Krishna Menon. Bei uns reiste niemand. Mein Vater, ein nicht weniger begabter Erzähler, war kein froher Mensch, er litt sehr unter dem Verlust seiner alten Welt und verstand die Entwicklungen der Zeit nicht als „Fortschritt“, sondern als neue Gefahren. Das war schwer für uns junge Mädchen und deshalb war Onkel Helmut unendlich ermutigend und wichtig. Meiner noch jungen Mutter ging es wohl ähnlich. Helmut liebte es, beim Kochen in der Küche zu sitzen und ihr so wunderbare Geschichten zu erzählen, dass sie beim Sonntagskuchen das Mehl vergaß. So wechselten Kind- und Weltbewegendes, und eines Tages kehrte Helmut nach Ägypten zurück. Das war überaus traurig und wir haben ihn nie wiedergesehen. Aber jede trug ihre Erinnerung, ihre eigene Geschichte mit diesem geliebten Menschen lebenslang mit sich. Als er nur zwei Jahre später starb, modellierte meine Schwester, die Bildhauerin Cordelia von den Steinen, ihren ersten Porträtkopf aus Ton nach ihrer Erinnerung. Er glich ihm erstaunlich (leider gibt es kein Foto). Der Kopf wurde später in den Garten gesetzt, wo er im Verlauf der Zeit zur Erde zurückkehrte, ein Denkmal der Vergänglichkeit – nicht aber des Vergessens. Jene glücklichen Wochen hatten ein merkwürdiges Nachspiel um die Wende der 1970/1980er Jahre. Ich leitete damals den Verlag Kraus Reprint in Liechtenstein, seit 1980 in München. Ein Redakteur der Züricher NZZ rief an, er hätte von mir gehört und wollte mich besuchen. Er kam und anstatt über meine Arbeit fragte er mich nur nach meiner Beziehung zu Helmut. Er erzählte, dass er in Kairo studiert und diesem unendlich viel und glückliche Stunden zu verdanken hätte. Denkwürdig war auch ein Besuch des Schriftstellers Armin T. Wegner, mit dem ich einmal einen Verlagsvertrag abgeschlossen hatte. Er war uralt und müde und hatte den Verlag mit Hilfe des fürstlichen Sekretärs gefunden. Auch er war gekommen, weil er über Helmut sprechen wollte. Das hat sich aber anders entwickelt. Er stand und saß und erzählte mir in mehreren Stunden sein eigenes tragisches Leben, seinen Brief an Hitler und die Folgen. Er starb bald danach. Ein Jahr später ungefähr meldete sich der Philosoph Raymond Klibansky, mit dem ich ebenfalls korrespondiert hatte: er wolle mich in Liechtenstein besuchen. Nach einem kleinen Rundgang sprach er nur über die Familie von den Steinen, voll Verehrung über Helmut und seine jüngste Schwester Marianne. Etwas später, bereits in München, klingelte es an meiner Wohnungstür und davor stand ein kleiner dünner alter Mann mit Rucksack, er wolle mich besuchen. Etwas ratlos bat ich ihn herein, er nannte seinen merkwürdigen Namen, den ich nicht genau verstand und nahm nur ein Glas Wasser, um dann vor allem von Helmut erzählen, seinem geliebten, unvergesslichen Freund und ihm sehr fehlenden Gesprächspartner. Erst einige Jahre später besuchte ich in Konstanz eine große Kükelhaus-Ausstellung und erkannte nun, wer damals mein Gast gewesen war. Und als letzter kam Fritz Gotthelf, der als Innenarchitekt bekannt wurde, und wollte von seiner Liebe zu Helmut sprechen, wie sie gemeinsam die Lagerzeit durchgestanden hatten. Es war überaus ergreifend und auch traurig. Ich versprach ihn zu besuchen, aber als ich kurze Zeit später anrief, erfuhr ich, dass er gestorben war. Das alles innert sehr weniger Jahre. 23. April 2025 (Ulfa von den Steinen, geboren 1939 in Basel, ist Verlegerin und Lektorin. Sie lebt in Berlin.